Prof. Frank Ruddigkeit

Prof. Frank Ruddigkeit

Wir suchen Werke von Ruddigkeit zum Ankauf.

 

 

Marginalie zu Frank Ruddigkeit´s Zeichnungen – Andreas Reimann

Wieder und wieder passiert einem etwas: Wollen wir nicht an ein Unglück denken, obwohl wir auch über dessen Möglichkeit längst nachgedacht haben, wie unsere Versicherungspolicen beweisen. Assoziieren wir doch Erfreulicheres: Eine Liebe passiert, lange ersehnt, doch unerwartet, und ob uns die vorsorglich auswendig gelernten Verse des Ovid oder Goethe dann über die Sprachlosigkeit zu retten vermögen, ist ungewiss. Immerhin: Wir glauben, gerüstet zu sein für die verschiedenen Wetter.

Dem auf alles gefassten Künstler Frank Ruddigkeit passieren Zeichnungen.

Die Themen sind längst durch-grübelt, und das notwendigste Handwerkszeug hat er parat, aber der Bild-Einfall überkommt ihn in einem Moment, den er sich nicht aussuchen kann, und verlangt von dem Überraschten, dass er ihn zumindest sofort graphisch notiert.

Und zum Erstaunen des Künstlers und derer, die Frank Ruddigkeit über die Schulter schauen, gerät ihm die geplante Skizze oftmals an Ort und Stelle zur gültigen Zeichnung, sichtlich geprägt auch von der Umgebung, in der sie entsteht. Dass das sich auf dem Papier entwickelnde Bild also nicht ganz identisch mit des Künstlers Vor-Stellung ist, gehört zum schöpferischen Vergnügen eines Mannes wie Frank Ruddigkeit. Ließe er, der sein Handwerk perfekt beherrscht und folglich auch die Taschenspielertricks der Zunft kennt, sich sonst auf das Wagnis ein, zeichnend mehr über sich selbst zu erfahren? Was immer es auch sei: Nicht einmal auf den Blättern könnte er es wieder tilgen. Schon sein expressiver Strich wehrt sich dagegen, korrigiert zu werden, wenngleich einer Ausführung mit Bleistift oder Zeichenfeder zur Not noch mit Radiergummi oder Deckweiß beizukommen wäre. Doch auch mit letzterem vermag der Künstler Unvollkommenes kaum noch zu überschminken, wenn er seine schwungvollen Linien und Schraffuren mit Kohle oder farbigen Kreiden auf getönten Papieren gezogen hat. Dies aber sind die bevorzugten Zeichenutensilien Ruddigkeits, und wir verdanken der Wald der Mittel unter anderem die schöne und häufige Großflächigkeit der Zeichnungen. Dabei gehört die intensive Beschäftigung und schöpferische Auseinandersetzung mit Literatur zu seinen auffälligsten Tugenden.

Die Gründe dafür, dass von seinen graphischen Assoziationen zur Poesie zu wenige den Werken der Dichter beigegeben wurden, sind nachvollziehbar: Nicht nur, dass beispielsweise sein großformatiger Zyklus zu Georg Maurers Das Unsere die Verkleinerung aufs übliche Quartformat nicht überstanden hätte oder dass sich unter den Bedingungen der Marktwirtschaft ein mit Bildern ausgestattetes und dennoch erschwingliches Buch „nicht rechnet“: Ruddigkeit ist vom Wesen her einfach kein Illustrator, denn er bebildert die Texte weder mit Darstellungen der in ihnen beschriebenen äußeren Vorgänge, noch interpretiert er sie dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend. Immer wieder versuchte er hingegen, mit den Werken der Schriftsteller ins Gespräch zu kommen. Und diese Emanzipationsbestrebung gegenüber dem vorgefertigten Wort, die ihren Ausdruck in einer eigenständigen künstlerischen Argumentationsweise findet, scheint auch deshalb suspekt zu sein, weil sie vom Lesenden auch gleichzeitig noch das Verständnis für bildende Kunst erheischt.

Frank Ruddigkeit freilich ist offenbar davon überzeugt, dass die Künste nur ihrer Symbiose der Darstellung einer Wirklichkeit gerecht werden können. Und so sind die häufig in seine Zeichnungen integrierten Schriftzeilen keineswegs nur intellektuelle oder kalligraphische Arabesken sondern gleich Bildtiteln eine ergänzende Bemerkung zum Thema: Die Sinnlichkeit der Zeichnung und der Sinngehalt der Wörter verbinden sich zur sinnvollen Einheit. Am konsequentesten verwirklicht der Zeichner dieses Prinzip in seinen seit Jahren beharrlich mit bedenkenswerten Reflexionen und lebendigsten Zeichnungen bereicherten Tagebüchern, die er hier der Öffentlichkeit zum ersten Mal zugänglich machen will. Denn wenn der ehrliche Mann das Seine niedergeschrieben hat, werden wohl manche dessen rücksichtsvollem Ich dafür dankbar sein.

Beizeiten an die Öffentlichkeit geriet allerdings dank Ruddigkeit Unterstützung mein Gedichtband Das Sonettarium, den er illustrieren sollte. Im Einvernehmen über die Symbiose der Künste verabschiedeten wir uns von dieser Idee und beschlossen, statt dessen einige der skurrilen oder sarkastischen, surrealistisch anmutenden oder heiter verspielten Blätter aus seinem Graphikzyklus Bilder aus meinem Mittelalter für die Publikation auszuwählen. Und da die Zeichnungen aus der gleichen Grundhaltung wie die Verse entstanden waren, ergänzten sie sich vielleicht besser, als wenn sich der Künstler zuvörderst allzu sehr auf meine poetischen Argumente hätte einlassen müssen.

Das eigenartige Zusammentreffen von Geschriebenem und Vorgezeichnetem wäre vielleicht weniger harmonisch verlaufen, wenn nicht alle Zeichnungen Ruddigkeits Gedichten wesensverwandt wären: Wie lyrische Gebilde offenbaren sie zunächst ihren äußeren ästhetischen Reiz, der auch ohne tieferes Verständnis für die Bedeutung der schön bewegten Figurationen schon zu faszinieren vermag. Und es ist die uneingeschüchterte Sinnlichkeit, die uns zum Beteiligt-Sein am dargestellten Geschehen verführt und uns selbst den Anblick des Schrecklichen zumuten kann, weil sie die Kraft hat, es dem Lebendigen zuzuordnen.

Manchmal muss man in diese Kunst wie in den Lehm hinabsteigen, um unter der reizvoll verkarsteten Oberfläche mit ihren satten Ocker- und Röteltönen die kostbaren historischen Gegenstände aus verschiedenen Epochen auszugraben, die, an gleicher Stelle aufgefunden, auf die Kontinuität der Geschichte schließen lassen.

Häufig wird man sich mit Aktbildern konfrontiert sehen, auf denen Frauen auch mal Weiber sein dürfen, irdisch sinnlich und erotisch und somit etlichen Vertreterinnen feministischer Bewegungen gewiss ein Gräuel. Oder man wird Abbildungen von Katzen erblicken, die etwas sonderbar weibliches ausstrahlen… Immer aber wird man in den Zeichnungen Ruddigkeits Neuentdeckungen machen, auch wenn man glaubt, sie in allen Dimensionen erfasst zu haben, die sie sich – wie alle ernstzunehmenden Kunstwerke – auch gemäß der Stimmungen des Betrachters verwandeln. Der sich, hoffe ich, betrachtend verändert. Denn wiewohl ich beispielsweise aus den Porträts, die Ruddigkeit von Zeitgenossen fertigte, keineswegs alles über das Wesen des Dargestellten zu entnehmen vermag, erfahre ich doch aus ihnen, welche Eigenschaften der Zeichner an ihnen sympathisch findet. Da gibt man sich schon gelegentlich Mühe, seinem Abbild ähnlich zu werden.

Keine Frage: Frank Ruddigkeits Kunst ist „altmodisch“: Sie resigniert nicht vor dem Chaos, sondern versucht es zumindest bildnerisch in eine Ordnung zu bringen. Das setzt freilich innere Ordnung voraus. Und so entstehen Werke, mit denen es möglich ist, eine Partnerschaft einzugehen, die auch den nächsten Tapetenwechsel übersteht. So altmodisch ist sie: Wie der Mensch.